Frodo
18. Juni 2002 — 14. Oktober 2010

Wenn man sich eine Katze
wünschen dürfte, eine Katze oder einen Kater, wie man sich sie oder ihn
vorstellt —
dann muss sie oder er sein wie Du, Frodo! Immer vergnügt, nie gnaddelig, immer
freundlich,
zum Spielen und vor allem zum Schmusen aufgelegt, auf dem Sofa an seine(n)
Menschen geschmiegt, so dass Fernsehen oder Lesen
zur absoluten Nebensache werden, wenn Du wohlig schnurrend zum Streicheln
einlädst, und nachts auf dem Bett über den eigenen und den Schlaf
Deiner Menschen wachend. Nie unfreundlich zu den Mit-Katzen im Haushalt, gut
Freund mit den anderen Samtpfoten, gar nicht eingebildet auf die eigene Rasse,
die — Hauskatze — doch die gediegenste ihrer Art ist. Ja, so einen Kater wie
Frodo wünscht man sich, und wir hatten das Glück, Dich acht Jahre bei uns haben
zu dürfen.
Wir erinnern uns so gut, wie wir Dich kennengelernt haben. Im Tierheim hatten
wie Dich entdeckt, einen kleinen schwarz-weißen Kater,
etwa 15 Wochen alt, der ständig am Spielen war. Na, sagten wir, der hat doch
ganz sicher ganz bald ein
schönes neues Zuhause. Nein, hieß es, der wird hier wohl eine lange Zeit
verbringen, der hat doch nur ein Auge.
Da waren doch tatsächlich Menschen mit Dir zum Tierarzt gegangen, der Dich
einschläfern sollte, weil Dein rechtes Auge „kaputt“ war.
Wie das passiert war, wusste man im Tierheim nicht. Na, jedenfalls weigerte sich
der Tierarzt vehement, so ein munteres Tier zu töten.
Das Auge wurde entfernt, doch einen defekten Kater wollten die Menschen nicht
zurückhaben. Kann man sich das vorstellen?
Wir konnten das nicht und versuchten, Dich im Freundes-, Bekannten- und
Kollegenkreis an den Mann oder die Frau
oder die Familie zu bringen. Wir waren skeptisch, ob Du Dich mit unseren Briten
verstehen würdest.
Nun, schließlich wollte eine Kollegin Dich zu sich und ihrer Katze nehmen. Doch
das zerschlug sich plötzlich;
und noch an dem Nachmittag waren erneut wir im Tierheim und nahmen Dich mit nach
Hause.
Im Tierheim warst Du Jochen genannt worden - nach dem verdienstvollen Tierarzt,
der Dir ja irgendwie das Leben gerettet hatte.
Doch schien der Name nicht zu Dir zu passen. Frodo war Dein Name, schließlich
hatte der Hobbit aus dem „Herrn der Ringe“
ja auch kein leichtes Schicksal und war mit dem Verlust eines Fingers im Kampf
gegen Gollum
auch gehandicapt wie Du mit Deinem fehlenden Auge. Und Du hast Deinen Namen auch
sofort akzeptiert.
Es war so schön, wie Du in Deinem neuen Zuhause vertrauensvoll und unbefangen
auf alle Deine Mitbewohner zugegangen bist.
Es war spannend zu sehen, wie erstaunt Du die Räume inspiziertest, nicht
wusstest, mit welchem Spielzeug Du Dich als Erstes vergnügen solltest,
Schlafplätze ausprobiertest und das umso begeisterter, wenn schon eine andere
Katze darin lag: Da konnte man schön zusammen kuscheln.
Morgens hast Du immer gleich erzählt, was Du Schönes geträumt hast, und abends
hast Du stets berichtet, was an Wichtigem zu berichten war.
Beim Futter warst Du nicht wählerisch, vielleicht musstest Du als Baby mal
Hunger schieben, wir hätten gern mehr über Deine Anfänge gewusst,
aber Dein richtiges Leben hatte erst bei uns begonnen, so war es gut so. Du
warst dankbar für alles.
Wir hatten tolle Jahre zusammen, und wir hatten gehofft, es würden mehr sein als
die acht, die Dir das Schicksal zugestanden hat.
Als Du nun ein wenig träge und schniefig warst, dachten wir, Du wärest wohl zu
lange auf dem kühlen Balkon gewesen und sind vorsichtshalber
mit Dir gleich zur Tierärztin gefahren. Es klang nach einer Bronchitis, und Du
bekamst die notwendigen Medikamente.
Doch am Abend hatte sich Dein Zustand so verschlechtert, dass wir unsere
Tierärztin aus ihrem wohlverdienten Feierabend in die Praxis baten.
Sie kam auch gern, denn auch sie war schon lange Deinem Charme erlegen. Es
stellte sich heraus, dass etwas Bösartiges Dir die Luft zum Atmen nahm,
und wir mussten beschließen, Dich nicht leiden zu lassen. In unseren Armen bist
Du ruhig eingeschlafen, und der Schmerz hinterlässt auf unseren Seelen eine
lange, tiefe Narbe.
Aber das ist gut so, denn auch das hilft uns, Dich nicht zu vergessen. Und das
werden wir sicher nicht. Im Garten guter Freunde durften wir Dich zur Ruhe
betten.
Während diese Zeilen geschrieben werden, fallen große Tränen auf die Tastatur,
obwohl wir wissen, dass Du uns mit Deinem schönen grüngoldenen Auge
liebevoll und erstaunt anblickst und denkst: Warum weint Ihr, ich bin Euch doch
nur vorausgegangen und schon
an der Regenbogenbrücke angekommen. Und ich habe meinen Freund Kimba
wiedergetroffen, den ich wie Ihr auch schmerzlich vermisst habe.
Danke, Frodo! Dein unnachahmliches Begrüßungs-„Mau“ klingt in unseren Ohren
weiter.





